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Gäll, du kennsch mi nit?

Die Basler Fasnacht gibt es seit 642 Jahren. Vermutlich gibt es sie noch länger, aber leider wurden frühere Aufzeichnungen beim grossen Erdbeben 1356 vernichtet.

Wir Basler wissen es ja alle: Unsere Fasnacht gibt es schon länger als alles Andere. Vermutlich war der Urknall ein Trommelwirbel und die Erde entstand nur aus einem Grund, damit die Basler Fasnacht irgendwo stattfinden konnte. Alles andere ist Beilage.

 

So wichtig den Baslern und ihrer Stadt die Fasnacht ist, so wichtig sind auch die ungeschriebenen Gesetze an der Fasnacht. "Räppli" vom Boden  aufheben und rumwerfen? UNDISKUTABEL! Sich das Gesicht bunt bemalen? PEINLICH! Fröhlichkeit und Schunkeln? SCHWOOBEZÜÜG! Sich unter der Larve zu Erkennen geben? VERBOTEN!

 

Die Fasnacht soll anonym sein. Das heisst, man soll als Person, die an der Fasnacht teilnimmt unwichtig sein. Mit dem Kostümieren nimmt mit man eine neue Identität an und lässt diese Figur "sprechen". Die reale Person unter der Larve rückt in den Hintergrund. So die Idee dahinter, die vermutlich vor 200 Jahren auch noch einfach umzusetzen war. Aber heute? Im Facebook, Twitter, Instagram und sonst so'n Kram Zeitalter noch anonym sein? Echt jetzt? Liefert bitte auch irgendeiner eine Gebrauchsanweisung dazu, oder fehlen da auch die einen oder anderen "Schreubchen"?

 

Ich bin zum Beispiel auf Facebook mit vielen Fasnachts-Cliquen befreundet. Die posten auch immer wieder Fotos vom Wagenbau, vom Cliquentreffen, vom Sommergrillplausch oder von der Generalversammlung. Keiner auf diesen Fotos trägt eine Larve oder sein Gesicht wäre mit einem schwarzen Balken anonymisiert. Auch Schnitzelbankgruppen haben Internetseiten. Da achten diese schon darauf, dass man sie nur in Kostüm und Larve sieht. Sie verlinken dann auf ihre Facebookseite (und hinter der steht immer auch ein privates Profil eines "echten" Menschen) und "schwupps" sehe ich wer dieser "Bänggler" ist und dass er ohne Larve weitaus schlechter aussieht als mit.

 

Ich persönlich weiss nicht warum es immer noch Leute gibt, die so auf dieser anonymen Art Fasnacht machen zu wollen pochen. Vermutlich sind das die selben Menschen, die sich noch ein Basel zurück wünschen, in dem man den Eimer mit den Fäkalien einfach aus dem Fenster auf die Strasse runter leeren konnte. In der heutigen Zeit noch anonym sein zu wollen, stelle ich mir fast unmöglich vor. Warum auch? Im Alltag, im Berufsleben im Dasein wird "übersehen" wer nicht "gehört" wird. Und Gehör verschafft man sich mit Präsenz. Diese ist nur mit einem "Gesicht" möglich! Google ich nach einer Firma zum Beispiel und finde auf deren Internetseite keinerlei Namen, werde ich Misstrauisch. Wer macht was, ohne dass man wissen darf wer dahinter steckt? Warum darf ich das nicht wissen? Nur Superreiche oder Verbrecher - OK - vielleicht noch superreiche Verbrecher können sich echte Anonymität leisten. Alle anderen müssen sich zeigen.

 

Neugierde ist ein Grundbedürfnis. Ohne Neugier wäre die Welt nicht dort wo sie im Moment ist. (Anmerkung: OK, das wäre auch nicht so schlimm...)

Klar, dass Leute wissen wollen: Wer ist dieser "Dr. FMH" oder dieser "Spitzbueb" oder wie sie alle heissen. Schnitzelbänkler sind zum Teil kleine "Stars" an der Fasnacht (so geben sie sich auch oft) und Stars will man treffen, sehen, spüren. Nicht ihre "Figur", sondern die Figur dahinter!

 

Seit es die "Blue Man Group" gibt, will ich wissen, wer dahintersteckt. Als ich dann erfuhr, dass es mehrere Formationen gibt, die alle das selbe Programm spielen und alle auf der ganzen Welt touren fühlte ich mich betrogen. Die Anonymität der Mitwirkenden ist in diesem Falle nur Mittel zum Zweck. So kann die selbe Formation an 10 Orten gleichzeitig auftreten, da nicht wichtig ist wer mitwirkt. Eine reine kommerzielle Überlegung. Das hatte mich tief enttäuscht und ich wollte seit dann nichts mehr von dieser Gruppe wissen.

An der Fasnacht kann das ja nicht so gewollt sein. Ich glaube nicht, dass es mehrere "Schwoobekäfer" gibt, die gleichzeitig in mehreren Lokalen auftreten. Das wäre in seinem Falle auch schwierig, da man keinen zweiten Menschen finden wird, der die Verse so bringt wie er.

 

Sicherlich ist dies ein alter Zopf noch aus der Zeit der ersten Aufzeichnungen zur Basler Fasnacht. Damals hat man bestimmt mit schlimmen Konsequenzen rechnen müssen, wenn man die Obrigkeit in einem Vers kritisiert hat. Ich könnte mir vorstellen, dass das Anonymsein an der Fasnacht der einzige Schutz gegen Repressalien von Oben war. Klar. Dann macht das Sinn. Aber heute?

Was muss man heute noch befürchten? Die "Obrigkeit" kritisieren gehört längst zum Volkssport. Die Presse zerfetzt Politiker in einer Art und Weise, wie sie sogar noch vor 10 Jahren unvorstellbar gewesen war und Politiker sind an der Macht, die weder Anstand noch Kinderstube spüren lassen. Warum soll ich da an der Fasnacht anonym sein?

 

Vielleicht gäbe es ein paar Gründe. Den Wunsch mal für ein paar Stunden "nicht da zu sein". Für drei Tage nicht zu existieren und funktionieren. Endlich mal ein anderer sein, nicht der, den man in den letzten 20 Jahren - warum auch immer- geworden ist.

Oder um eine Tradition zu bewahren, die es schon so lange gibt und die man gerne für die Nachkommen erhalten will.

Ja! Wenn wir schon die ganze Welt demolieren, so achten wir wenigstens darauf, dass wir eine gepflegte, intakte und saubere Basler Fasnacht der Welt vermachen.

 

Irgendwie bin ich froh mache ich Vorfasnacht. Da stehen echte Menschen mit ihrem Gesicht und Namen auf der Bühne und sagen Dinge, die nicht jedem schmecken und stehen dazu! Völlig öffentlich und angreifbar!

WOW...

 

Renato Salvi

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